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Während
Kissinger schreibt, die Alliierten gingen bei der Unterzeichnung des Vertrages
noch davon aus, „dass der Frieden letzten Endes mit Napoleon zu
schließen sei“
,[6] wird bei Wolfram Mitte die
Meinung vertreten, „Im Vertrag zu Chaumont (...)schlossen die
Verbündeten eine (...) Allianz ab, deren Hauptziel die Entmachtung
Napoleons war“.[7] Nach
Kissingers Meinung fand die Absicht der Alliierten, mit Napoleon keinen Frieden
mehr schließen zu wollen, aber erst in einer Proklamation Metternichs vom
17. März 1814 ihren Ausdruck.[8]
Obgleich hier also unterschiedliche Meinungen darüber vorliegen, wann genau
die alliierten Mächte übereingekommen sind, Napoleon nicht mehr als
Staatsoberhaupt Frankreichs zu akzeptieren, so herrscht doch bei beiden Autoren
Einigkeit darüber, dass dies auf jeden Fall vor Napoleons Abdankung im
April
stattfand.
1.3 Die territorialen Aspekte des Bündnisses von
Chaumont
Neben der Zurückweisung Frankreichs in die Grenzen
von 1792 enthielt der Vertrag von Chaumont noch weitere territoriale
Bestimmungen von Bedeutung. So kamen die Unterzeichner darin überein, dass
Deutschland, Holland, Italien, die Schweiz und Spanien unabhängig werden
sollten.[9] Besonders Metternich und
Castlereagh konnten im Vertrag von Chaumont ihre Interessen durchsetzen. So
einigten sich die Signatarmächte - ganz im Sinne Castlereaghs und Englands
- darauf, dass Holland territorial erweitert werden sollte damit seine Position
gestärkt würde. Es war die Rede von „geeigneten“ Grenzen
für Holland, was eine Erweiterung in den Süd-Westen bis
„mindestens Antwerpen“ meinte, de facto jedoch eine Angliederung
Belgiens an Holland bedeutete[10]
und auf dem Wiener Kongress zur Gründung des Königreiches der
Vereinigten Niederlande führte. Hierdurch wurden englische Interessen
insofern erfüllt, als dass es in einem neuen Krieg (für Frankreich)
schwerer würde, ein vergrößertes und gestärktes
Holland/Belgien und damit den England im Südwesten gegenüberliegenden
Küstenstreifen, einzunehmen. England wollte dadurch im Falle eines Krieges,
eine (wenn auch nicht vollständige) Isolation wie sie durch die
Kontinentalsperre Napoleons hervorgerufen wurde, verhindern oder zumindest
erschweren.[11]
Neben
diesen strategischen Belangen hatte der Vertrag von Chaumont aber auch noch
weitreichende politische Bedeutung, denn nun waren „alle Zweifel
darüber beseitigt, dass auch wir [England] eine Stimme in Dingen des
europäischen Festlandes
haben“.[12] Die Bedeutung
dieser Äußerung betrachtet Kissinger als „das Herzstück
von Castlereaghs Erfolg: Nach zwanzig Jahren der Isolierung war Frankreich nun
wieder ein Teil Europas“.[13]
Die Absicht Preußens, die Vormachtstellung in Norddeutschland zu erlangen,
wurde dadurch zu Nichte gemacht, dass Deutschland aus souveränen Staaten
bestehen und nicht vereinigt werden sollte, was wiederum im Interesse
Österreichs lag. Rußland dagegen konnte eine Entscheidung in Bezug
auf die polnische Frage
hinausschieben.[14]
Da bei den Grenzänderungen vorwiegend die Interessen
der Großmächte Beachtung fanden, bewertet H. Müller den Bündnisvertrag
von Chaumont insofern kritisch, als dass er „das Diktat der zunächst
vier Großmächte über Europa konstituierte“.[15]
Dem lässt sich zustimmen, da sich die Ansichten der Alliierten in Bezug
auf die territorialen Veränderungen nicht mehr grundlegend änderten.
Doch der Vertrag von Chaumont stellte nur den Anfang zur Nachkriegsordnung dar,
denn die eigentliche Neuordnung Europas fand schließlich auf dem Wiener
Kongress statt. Zwar wurden der Wiener Kongress und zuvor auch der Erste Pariser
Frieden ganz klar von der Quadrupelallianz dominiert, doch die abschließende
Ordnung Europas fand noch nicht in Chaumont statt. So war zum Beispiel die zu
der Zeit noch ungelöste polnisch-sächsiche Frage genannt, die das
Bündnis der führenden europäischen Großmächte (bis
auf das Osmanische Reich) zu spalten und in einen neuen Krieg zu stürzen
drohte und Napoleon nach seiner Verbannung verleitete auf den Kontinent zurückzukehren.
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